Offener Brief / “Es gibt nur einen Grund, Schwarz zu wählen”
Es ist Wahlkampf - und es scheint, als sei im Wahlkampf alles erlaubt.
In den letzten Tagen sorgte vor allem ein Plakat mit der Aufschrift “Es gibt nur einen Grund, Schwarz zu wählen” und dem Motiv eines Schwarzen Frauenhinterns, auf dem Weiße Frauenhände liegen, der Kaarster Grünen zurecht für Aufregung. Inzwischen wurde entsprechendes Plakat zurückgezogen, das Bild “zensiert”. Über die genaue Abfolge der Ereignisse, könnt Ihr Euch ua HIER informerien.
Wir haben einen offenen Brief verfasst:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir -der Verein Brothers Keepers- begrüßen Ihre Entscheidung, das Wahlplakat “Es gibt nur einen Grund, Schwarz zu wählen” zurückzuziehen. Dennoch möchten wir Sie (freundlich) darauf hinweisen, dass die entsprechende Begründung für ebendiese “Zensierung” unseres Erachtens genauso einfältig wie kurzsichtig ist.
In Ihrer Erklärung heißt es:
Den Vorwurf des Rassismus und des Sexismus weisen wir entschieden zurück. Weder die NRW-Grünen noch die Kaarster Grünen denken oder handeln rassistisch oder sexistisch, sondern im Gegenteil: Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die Gleichstellung und Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft gehören zum Grundkonsens und alltäglichen Handeln unserer Partei.
Während es in Ihrer Stellungnahme vom 10. August 2009 noch eifrig gilt, die Motivwahl der Wahlwerbung zu rechtfertigen und zu relativieren, wird in der aktuellen Erklärung über den Landesverband immerhin eingeräumt, dass das “gewählte Bild” als “vergriffen” erscheint. Mit Rassismus oder auch Sexismus habe das Ganze aber nichts zu tun.
Die Krux -Ihr Denkfehler- liegt in der Tatsache, dass vor allem rassistisches Handeln nicht zwangsläufig aus dem “Vorsatz, rassistisch zu sein” resultiert. Ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt – Fakt ist, dass das Plakat rassistische und sexistische Assoziationen (be)nutzt und (be)stärkt.
Vor allem Rassismus ist so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass er sich in Selbstverständlichkeiten ausdrückt und als Mechanismus idR nur von denjenigen wahrgenommen wird, die betroffen sind.
Ihrer Auffassung nach stellt das Plakatmotiv selbstverständlich keine rassistische Handlung dar, genauso wie Sie selbstverständlich nicht rassistisch sein können. Doch um Rassismus authentisch zu entlarven, gilt es, eigenes (selbstverständliches) Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren. Anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen für das Initiieren solch einer Werbung auseinander zu setzen, scheinen Sie jedoch mehr damit beschäftigt, Gründe aufzuzählen, warum Sie keine Rassisten sein können. Lassen Sie sich gesagt sein: Es ist nicht so simple wie es scheint, kein Rassist zu sein – das liegt ganz einfach in den gesellschaftlichen Strukturen begründet.
Ihre Flucht in die alltäglichen “Ich bin kein Rassist, weil…”-Abwehrmechanismen, kostet Sie unseres Erachtens mehr an Glaubwürdigkeit und Wählerstimmen als die Plakatwerbung an sich. Sie hätten Ihren Fauxpas zum Anlass nehmen können/müssen, um -entsprechend Ihrer Programmatik- Rassismus und Sexismus als weitreichende und tiefgehende gesellschaftliche Übel zu demaskieren. Denn Ausfälle wie Ihr Wahlplakat sind zwar traurig, im Grunde aber nicht verwunderlich. Vielmehr sind sie Ausdruck alteingesessener rassistischer und sexistischer Praxen und Strukturen. Die Wahrheit: Niemand ist davor gefeit, in die böse Falle zu tappen.
Es ist vor allem Ihre mangelnde Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Fehler einzugestehen, die enttäuscht. Denn vor diesem Hintergrund erscheinen auch Schlagworte wie Toleranz, Weltoffenheit und Gleichberechtigung in Ihrem Programm nur als leere schöngefärbte Worthülsen, die im Widerspruch zu Ihrem eigentlichen Handeln stehen.
Rassismus -genauso wie Sexismus- darf nicht länger relativiert werden. Es gilt, entsprechende Mechanismen zu erkennen, zu benennen und anzuerkennen wie tief in der Gesellschaft sie verankert sind. Tatsächlich bedarf es sehr viel Arbeit, um den jeweiligen Tendenzen in jedem Einzelnen entgegenzuwirken. Doch unseres Erachtens lassen sich nur auf diese Weise die Potentiale einer vielfältigen Gesellschaft identifizieren und nutzen. Und ist es nicht auch das, was Sie wollen!?
Es grüßt Sie
Vorstand Brothers Keepers e.V
Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von uns öffentlich geführt wird, und wir dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation, Aufklärung und Lehre veröffentlichen werden.

[...] Offener Brief / “Es gibt nur einen Grund, Schwarz zu wählen” [...]
[...] das Rassismus und Sexismus? Wie das Feedback zum Plakat zeigt,wird es als rassistisch und sexistisch wahrgenommen. Dass es ausgerechnet ein Plakat der Grünen ist, denen eigentlich keiner so etwas zugetraut [...]
Hallo,
euer öffentlicher Brief bringt es auf den Punkt und dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Gut geschrieben. Mit solidarischen Grüßen Gertrud Reusing
[...] Offener Brief der “Brothers Keepers” zur Grünen Kampagne und “Stellungnahme&#… [...]
Wenn Ihr Pseudos ernsthaft versucht, das als einen Skandal dazustellen, dann müsst ihr aber auch konsequent gegen andere menschenverachtende Tendenzen vorgehen, guckt doch nur mal was für verächtlichem herabwürdigende Pornofilme (auch mit schwarzen Schwestern) im Netz frei zugänglich sind!
[...] im Schlechten ist, dass dieses Plakat die Debatte um die verschiedenen Formen und vor allem die Vermeidung von Rassismus und Sexismus erneuert hat. In diesem Sinne werden wir uns als GRÜNE gerne an [...]
[...] Nachtrag zur Rassismus-Diskussion anläßlich des ‚Po-Plakates‘ der Grünen Kaarst: Die brotherskeepers betonen zu recht den Unterschied zwischen wollen und tun; zwischen sagen wollen und tatsächlich [...]
Reaktion des Landesverbandes Bündnis 90/Die Grünen auf unseren offenen Brief:
Sehr geehrte Damen und Herren von Brothers Keepers,
herzlichen Dank für ihre ausführliche Stellungnahme. Ich kann Ihnen versichern, dass wir seitens des Landesverbandes alles getan haben, damit die umstrittenen Plakate möglichst schnell wieder abgehängt werden, nachdem wir davon erfahren hatten. Leider konnten wir die Entstehung nicht verhindern, da die Ortsverbände der Grünen über ihr Wahlkampfmaterial autonom entscheiden. Das ist ja der Kern des Problems. Möglicherweise waren unsere Worte in der erwähnten Presseerklärung nicht differenziert genug, auf jeden Fall unterstellen wir keinem Beteiligten, bewusst rassistisch oder sexistisch zu handeln. Die Landesvorsitzenden Daniela Schneckenburger und Arndt Klocke haben zu diesem Thema gestern die nachfolgenden erweiterte Stellungnahme verfasst, die auch auf der Startseite unserer Homepage zu finden ist.
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Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Grüne,
wir begrüßen, dass der Ortsverband Kaarst nach unserer Aufforderung zugesagt hat, die Plakate abzuhängen. Dieser Bitte sind die Kaarster Grünen direkt nachgekommen, auch wenn anscheinend noch vereinzelt Plakate übersehen worden sind. Auch eine bereits begonnene Postkartenaktion für ErstwählerInnen wurde nach Angaben des OV Kaarst umgehend gestoppt.
Wir bedauern, dass dies nicht mit einer eigenen Erklärung und Entschuldigung der Kaarster GRÜNEN verbunden war und halten das für einen Fehler.
Wir möchten noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich bei diesem Motiv nicht um ein Wahlplakat des Landesverbandes handelt. Die Reaktionen auf das Motiv ließen sehr schnell erkennen, dass hier rassistische und sexistische Assoziationen geweckt werden können. Wir bedauern, dass dieser Eindruck entstehen konnte.
Sexismus und Rassismus werden von uns politisch seit unserer Gründung bekämpft – auch nicht stillschweigend hingenommen. Es ist unsere Aufgabe und unsere Verantwortung als Landesvorsitzende, die politische Haltung und Grundüberzeugung der Gesamtheit nach außen zu vertreten. Genau aus diesem Grund haben wir darauf hingewirkt, dass das Plakat abgehängt wird.
Als Landesverband achten wir bei der Erstellung von Wahlplakaten, die wir den GRÜNEN vor Ort zur Verfügung stellen, explizit darauf, dass wir die Menschen in NRW in ihrer Vielfalt – auch ihrer ethnischen Vielfalt, darstellen und damit die Botschaft verbinden, dass eine volle rechtliche und soziale Integration noch nicht vollzogen ist. Bei der Darstellung von Frauen auf unseren Wahlplakaten achten wir auch darauf, sie als Frauen zu zeigen, die in unterschiedlichen Feldern berufstätig sind, die zu Recht selbstbewusst und selbständig sind.
Die Plakate der aktuellen Kommunalwahl-Kampagne des Landesverbandes und verschiedener Orts- und Kreisverbände sind hier zu finden:
http://zeit-fuer-gruen.de/schlagwort/plakate/page/2/
Wir schreiben dies so ausführlich, um zu zeigen, dass wir als Landesverband einen intensiven Diskussionsprozess um unsere eigenen Wahlplakate geführt haben, und dass es uns genau darauf ankam, als Gesamtpartei Antidiskriminierung, Gleichberechtigung und kulturelle Gleichstellung der Geschlechter ausdrücklich zum Thema im Wahlkampf zu machen.
Umso ärgerlicher ist es für uns, dass diese Botschaft nun durch ein Plakat überlagert wurde, das in einem unserer über 300 Ortsverbände entstanden ist, das provokant und witzig gegen die CDU-Mehrheitsfraktion vor Ort sein wollte, aber sich auch in unserer Beurteilung in der Bildsprache vergriffen hat.
Das Gute im Schlechten ist, dass dieses Plakat die Debatte um die verschiedenen Formen und vor allem die Vermeidung von Rassismus und Sexismus erneuert hat. In diesem Sinne werden wir uns als GRÜNE gerne an einer weiteren intensiven Debatte zur Bekämpfung von Rassismus und Sexismus beteiligen.
Daniela Schneckenburger und Arndt Klocke
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Ich hoffe, dass diese Stellungnahme die Haltung des Landesverbandes der Grünen NRW klarstellt.
Herzliche Grüße
Birgit Müller
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