Wir über
YES I AM!
Kein Weißer wird jemals nachvollziehen können, was ein Schwarzer fühlt
kommentiert D-Flame die Erfahrung mit Rassismus in YES I AM!. Doch wozu dann solch ein Film, noch dazu gedreht von einem Weißen Deutschen. YES I AM!-Regisseur Sven Halfar kennt die Problematik Schwarzer Menschen in Deutschland nicht aus eigener Erfahrung. Entsprechend groß war die anfängliche Skepsis gegenüber dem geplanten Film. Zu Recht? „Stupid White Man“ Sven Halfar verhielt sich zunächst wie der besagte Elefant im Porzellanladen – stellte Fragen, die kein Afro braucht und machte sich mit seinen Kommentaren nicht nur Freunde.
Dass sich die Brothers Keepers Adé Bantu und D-Flame sowie Sister Mamadee letztlich doch auf ihn einließen, mag an seiner offensichtlichen Einsicht gelegen haben, sich selbst und sein Umfeld kritisch zu hinterfragen. Wollte er seinem eigenen Anspruch gerecht werden und einen Film nicht einfach über Schwarze machen, sondern mit ihnen, dann musste er seine vermeintliche Distanz zur Thematik über Bord werfen und erkennen „auf welcher Seite“ er steht.
So dauerte es vier Jahre bis YES I AM! endlich fertig war
- vier lange Jahre, die einhergingen mit heftigen Auseinandersetzungen, schmerzhaften Emotionen, aber auch mit vielen lustigen und schönen Momenten sowie einem tiefgehenden gegenseitigen Vertrauen. YES I AM! wuchs mit dem Bewusstsein von Sven Halfar und ist im Ergebnis ein Film, der nicht einfach nur an der Oberfläche kratzt, sondern das Leben der drei Protagonisten und die Geschichte der Brothers Keepers authentisch widerspiegelt.
Es sind drei sehr unterschiedliche Geschichten, die der Film erzählt: Adé Bantu wird in London geboren und verbringt seine Kindheit und Jugend in Nigeria. Er ist 15, als sein Vater bei einem Überfall im eigenen Elternhaus ermordet wird und die Mutter mit den Kindern nach Deutschland – ihre Heimat – zieht. D-Flame wird als Sohn einer Deutschen und eines amerikanischen GIs in Frankfurt am Main geboren. Er wächst bei seiner allein erziehenden überforderten Mutter auf, kommt ins Heim und landet schließlich im Gefängnis. Mamadees Kindheit in der ehemaligen DDR scheint dagegen behütet, auch wenn der Kontakt zum Vater abbricht, als die Ehe der Eltern nicht bewilligt wird und der Vater zurück nach Sierra Leone muss. Doch mit der Wende bekommt auch sie am eigenen Körper zu spüren, was es bedeutet, wenn man aufgrund der Hautfarbe zur Zielscheibe wird.
Diese drei sehr unterschiedlichen Biographien dienen auch als Beleg dafür, wie heterogen die Afro-Community in Deutschland ist. Denn Afros in Deutschland, das sind nicht nur Menschen aus Afrika, Nord- und Südamerika, der Karibik, Frankreich, Großbritannien, Portugal oder anderen Teilen dieser Welt, sondern auch ihre Nachkommen, die hier geboren und/oder sozialisiert wurden und ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland verorten. Das verbindende Moment aller Afros in Deutschland ist demnach vielmehr das Deutsche als das Afrikanische und so ist auch die Gemeinsamkeit der drei Protagonisten im Film nicht allein die Musik, sondern primär die Tatsache, Schwarz und deutsch zu sein. Schwarz und deutsch – ein vermeintlicher Gegensatz, der es für Afros schwierig macht, ein Heimatgefühl zu entwickeln, sich zugehörig und anerkannt zu fühlen und eine Identität unabhängig der gängigen Klischees zu entfalten.
Aber wer oder was ist eigentlich deutsch und wer bestimmt die Kriterien?
Wäre es allein nach Sven Halfar gegangen, hätte YES I AM! nicht YES I AM! geheißen, sondern „Typisch deutsch!“, ein provokanter Filmtitel, der die Zuschauer mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontieren und das Kernthema, das deutsche Selbstverständnis, mehr in den Mittelpunkt rücken sollte. Doch auch wenn Halfar sich bezüglich des Filmtitels gegenüber dem Verleih nicht durchsetzen konnte, macht YES I AM! deutlich, dass Deutschsein nicht automatisch Weißsein bedeutet und dass die einzig wahre Antwort auf die immer wieder gern gestellte „Wer-oder-was-ist-Deutschland-Frage“ nur sein kann: Deutschland ist jeder, der sich mit diesem Land identifiziert.
Doch erst in jüngster Zeit wächst langsam das Bewusstsein darüber, dass das moderne Deutschland durch eine Vielfalt geprägt ist, wie sie nur ein Einwanderungsland haben kann. Des Deutschen Lieblingsspeise ist der Döner, Bands wie Seeed werden vom Auswärtigen Amt als Botschafter deutscher Musikkultur benannt und Fußballer wie David Odonkor oder Gerald Asamoah sind nicht die einzigen Nationalspieler mit Migrationshintergrund, die wir in freudiger Erinnerung an den Sommer 2006 als „Weltmeister der Herzen“ bezeichnen. Dennoch belegen Untersuchungen, wie die im Dezember 2006 vorgestellte Studie „Deutsche Zustände“ von Prof. Wilhelm Heitmeyer, dass gut 46 Prozent der Westdeutschen und 60 Prozent der Ostdeutschen meinen, in Deutschland lebten zu viele Ausländer. Dass als Ausländer vornehmlich jene identifiziert werden, deren äußere Erscheinung die vermeintliche Herkunft und das Nichtdeutsche für jedermann offensichtlich macht, liegt auf der Hand. „Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land, kein Ausländer und doch ein Fremder“, textete Anfang der 90er Jahre die afrodeutsche HipHop-Formation Advanced Chemistry und artikulierte eine Situation, die heute noch nicht nur für viele Schwarze Deutsche Alltag ist.
Die offensichtliche Angst der Deutschen vor Überfremdung fußt in der Angst, die kulturelle Identität zu verlieren und unterliegt dem Irrglauben, es gäbe in unserer globalisierten Welt noch Monokulturen. Doch Kultur lässt sich heutzutage nur noch schwer auf nationale Grenzen beschränken. Kultur ist nicht statisch, sondern dynamisch, entsteht im Austausch der verschiedenen Arten des Lebens und ist letztlich nichts anderes als ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen. Und so mag es in YES I AM! zwar im ersten Moment erscheinen, als stünden die drei Protagonisten „zwischen zwei Kulturen“, tatsächlich aber geht es nicht um das „Entweder/Oder“-, sondern um das „Sowohl/Als auch“-Prinzip – nicht halb/halb, sondern doppelt. Die komplexe Identität von Afros fügt sich nun einmal nicht so einfach in die einfachen Kategorien von nationaler und kultureller Zugehörigkeit ein. Und die Kunst, als Afro mit dieser Situation umzugehen, besteht darin, die verschiedenen kulturellen Aspekte der eigenen Identität zu werten und darauf aufbauend eine eigene, neue Position zu definieren. Vor diesem Hintergrund dürfte deutlich werden, dass eine biethnische, bikulturelle oder auch binationale Identität kein Manko, sondern vielmehr eine Bereicherung ist.
Die wahrscheinlich größte Herausforderung für Schwarze Menschen in Deutschland
ist der Umgang mit gängigen Vorurteilen. Diese stehen in YES I AM! zwar nicht im Mittelpunkt, nichtsdestotrotz rückt der Film die Bedrohung durch Rechtsextremismus und Rassismus noch einmal ins Bewusstsein. So mögen die Bilder der Brandanschläge auf Asylbewerberheime bereits mehr als zehn Jahre alt sein, vor dem Hintergrund, dass 2006 das Jahr ist, in dem ein trauriger Rekord rechtsextremistischer Delikte gemessen wurde, scheinen sie dennoch aktueller denn je. Alberto Adriano musste einzig und alleine aus dem Grund sterben, weil er ein Schwarzer war – und er ist nicht das einzige Opfer. Die traurige Realität ist, dass Rechtsextremismus nur die Spitze des rassistischen Eisberges ist. Denn ein Rechtsextremist mag zwar ein Rassist sein, doch ist ein Rassist auch zwangsläufig ein Rechtsextremist? Rassismus ist Alltag – auch in Deutschland!
Alleine schon das katzenhafte Auftreten von denen, das Tanzen, das fasziniert mich immer wieder.
Es sind Aussagen wie dieser Kommentar von D-Flames Mutter in YES I AM!, die den Alltag von Afros begleiten. Dass es sich dabei um Vorurteile handelt, um positiven Rassismus, ist den wenigsten Menschen bewusst, behauptet doch ein jeder gerne von sich, nicht rassistisch zu sein. Rassismus ist noch immer tief in der deutschen Gesellschaft verankert. Wir werden nicht als Schwarze oder Weiße geboren, sondern erst im Kontext rassistischer Praxen zu ihnen gemacht. Und will man als Weißer Rassismus verstehen, gilt es zu aller erst, sich selbst und die eigene gesellschaftliche Position infrage zu stellen. Dazu zählt zunächst einmal, sich bewusst zu machen, dass Weiß-Sein auch in unserem „toleranten Deutschland“ noch immer Normgeber ist: Es ist selbstverständlich, sich als Weißer auf der Straße zu bewegen ohne aufzufallen. Es ist selbstverständlich, nicht nach seiner Herkunft gefragt zu werden, eine Wohnung oder einen Job nicht nicht zu bekommen, weil man Weiß ist. Es ist selbstverständlich, den Fernseher anzuschalten und sich von Weißen Moderatoren informieren und Weißen Schauspielern unterhalten zu lassen. Es ist selbstverständlich, in der Familie, im Freundeskreis, der Schule, im Beruf, in den Medien oder der Politik Weiße Bezugspersonen und Vorbilder zu haben. Es ist selbstverständlich, dass Fortschritt und Zivilisation ein Verdienst der Weißen sind. Es ist selbstverständlich, als Weißer die Freiheit der Wahl zu haben. Als Schwarzer hingegen bewegt man sich kontinuierlich im Kontext Weißer Vorstellungen – Schwarze sind faul, einfältig, kriminell, musikalisch, sportlich und haben einen ausgeprägten Sexualtrieb. Der Fokus liegt auf der Körperlichkeit, selten auf der Intelligenz.
So manche böse Zunge könnte nun behaupten, dass YES I AM! zumindest das Vorurteil der vermeintlichen Musikalität von Schwarzen mehr als bestätigt, handelt es sich doch um einen Film, deren Protagonisten alle Musiker sind. Verkannt wird dabei allerdings die eigentliche Bedeutung von Musik in der Afrokultur. Denn historisch gesehen war und ist Musik einer der wenigen Kanäle für Schwarze, sich entfalten und selbst bestimmen zu können, ohne als direkte Gefahr angesehen zu werden. Für das Weiße Publikum reine Unterhaltung, wurde Musik für Schwarze Künstler zum Politikum. „Musik ist für Schwarze Kommunikationsmittel und Lebenseinstellung gleichermaßen. Musik ist ‚die Stimme der Stimmlosen’, denn es geht darum, die Gesellschaft wach zu rütteln“, erklärt Adé Bantu.
Und so erzählt YES I AM! von der Macht der Musik und davon, wie gut es tut, gemeinsam die Stimme zu erheben. Es geht nicht darum, einmal mehr zu zeigen, wie schlimm Rassismus ist, sondern darum, über den „Opferstatus“ hinweg, die Stärkung der afrodeutschen Identität und ihre Verankerung als Teil der deutschen Gesellschaft voran zu treiben. Die drei sehr persönlichen und einfühlsamen Portraits machen auf eindrucksvolle Art und Weise deutlich, wie viel Kraft man aus seiner eigenen Geschichte ziehen kann und wie heilsam es ist, etwas gegen die Missstände in unserer Gesellschaft zu tun.












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